Ein Beitrag von Michael Obert
Sollte er es tun – oder lieber doch nicht? Seit Jahren drehte er sich im Kreis. Sollte er wirklich in die Fußstapfen seines Vaters treten und das Familienunternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten übernehmen? Er wusste es einfach nicht. Sein Vater dagegen schon. Wie selbstverständlich erwartete er, dass sein Sohn seine Nachfolge antreten würde. „Er will, dass ich ein Ticket in die Mongolei löse“, sagte der Unternehmersohn aus Frankfurt, Ende dreißig, kantiges Gesicht, gepflegter Vollbart, als er ins Coaching kam. „Aber vielleicht will ich ja lieber nach Brasilien oder nach Südafrika.“
Warum der Generationenwechsel in Familienunternehmen so schwierig ist
Rund 90 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind Familienunternehmen, schätzt das Institut für Mittelstandsforschung Bonn. Etwa 186.000 Unternehmen in Deutschland müssen zwischen 2026 und 2030 übergeben werden. Das entspricht etwa 37.000 Unternehmensnachfolgen pro Jahr. Mehr als die Hälfte der Übergaben erfolgt innerhalb der Familie. Gleichzeitig zeigt sich, wie anspruchsvoll der Generationenwechsel ist: Nur rund 30 Prozent der Familienunternehmen erreichen die zweite Generation, etwa 12 Prozent die dritte – und nur etwa ein Prozent die fünfte Generation.
Es mag paradox erscheinen: Für ein Familienunternehmen kann die Familie zugleich seine größte Stärke und seine größte Schwäche sein. Die Liste der an Streitigkeiten gescheiterten Familienunternehmen ist lang. Auch bekannte Marken wie Asbach, Berentzen, Dornier, Pelikan oder Quelle haben erlebt, wie Konflikte innerhalb der Familie Unternehmen destabilisieren können. In meinen Coachings mit Familienunternehmern sehe ich immer wieder, wie komplex dieser Übergang sein kann. Die Gründe sind vielfältig:
- familiäre Konflikte
- mangelndes Vertrauen in die nächste Generation
- unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft des Unternehmens
Häufig wollen Sohn oder Tochter das Unternehmen gar nicht übernehmen. Oder sie wissen – wie mein Klient – schlicht nicht, wie sie sich entscheiden sollen.
Wenn Nachfolger nicht wissen, welchen Weg sie gehen wollen
„Wo geht meine Reise hin?“, fragte sich mein Klient in seiner ersten Session. „Will ich das überhaupt? Und wenn ja: Warum?“ Solche Fragen sind völlig verständlich. Gerade in Familienunternehmen ist der Erwartungsdruck auf die nächste Generation enorm hoch. Gleichzeitig fehlt vielen Nachfolgerinnen und Nachfolgern noch Erfahrung. Wer in dieser Situation nicht genau weiß, wohin er oder sie will, wirkt schnell zögerlich und unsicher. Kein guter Start an der Spitze eines Unternehmens. Im Nebel aus Erwartungen, Zweifeln und Emotionen wird der Generationswechsel dann oft langwierig. Manchmal scheitert er ganz – mit erheblichen Folgen für Unternehmen und Familie.
Wie eine persönliche Vision Klarheit in der Nachfolgefrage schafft
Nachdem der Unternehmersohn aus Frankfurt im Coaching seine persönliche Vision entwickelt hatte, wurde die Situation plötzlich klar. Seine Vision führte ihn nicht ins Familienunternehmen. Seine Berufung lag in der Medizin. Mit dieser Klarheit entspannte sich – nach dem ersten Schock – auch die Situation in der Familie. Die Geschäftsführung wurde extern vergeben. Für den Sohn entstand eine neue Rolle im Unternehmen, die seinen Interessen und Stärken entspricht und ihm zugleich ermöglicht, seinen Weg als Arzt zu gehen. Mehr über diese Arbeit beschreibe ich auch im Artikel Personal Vision im Top-Management
Warum auch der Senior meist an einer Weggabelung steht
Beim Generationenwechsel stehen nicht nur die Nachfolger vor großen Fragen. Auch der Senior befindet sich häufig an einer Weggabelung. Wo geht meine Reise hin? Was kommt jetzt noch? Und will ich überhaupt loslassen? Der Patriarch, der nicht loslassen kann – das ist kein Klischee. Nach Jahrzehnten als Unternehmer steht für ihn viel auf dem Spiel. Das Unternehmen ist sein Lebenswerk. Selbst wenn Vertrauen zur nächsten Generation besteht, kann sich der Rückzug aus der operativen Verantwortung anfühlen wie der Verlust der eigenen Identität.
Warum viele Unternehmer Schwierigkeiten haben loszulassen
In meinen Coachings begegnet mir immer wieder ein entscheidender Grund, warum Senior-Unternehmer nicht loslassen können. „Ich habe Angst vor einem schwarzen Loch“, sagte einmal ein Klient. Viele Unternehmer wissen schlicht nicht, was nach der aktiven Zeit im Unternehmen kommen soll. Es fehlt ihnen an einem attraktiven Zukunftsbild. Kurz gesagt: an einer persönlichen Vision. In meiner Arbeit mit Unternehmerfamilien – etwa in der Family Business Vision Journey – entwickeln wir genau dieses Zukunftsbild gemeinsam. Eine klare Vision schafft Orientierung, Aufbruchstimmung und die Schubkraft, die es braucht, um Verantwortung bewusst zu übergeben und neue Wege zu gehen.
Warum eine persönliche Vision den Generationenwechsel erleichtert
Wenn Senior-Unternehmer eine eigene Vision für den nächsten Lebensabschnitt entwickeln, verändert sich die Situation häufig grundlegend. Das Loslassen wird plötzlich zu einem Aufbruch. Der ehemalige Unternehmer kann sich neuen Aufgaben widmen: als Beirat oder Mentor, im sozialen Engagement, als Unterstützer junger Gründer oder in ganz persönlichen Projekten. Manche besteigen Berge. Andere schreiben Bücher.
Wo immer die Vision sie hinführt – es wird ihr eigener Weg sein. Und das Unternehmen profitiert ebenfalls. Denn wenn der Senior eine eigene Perspektive hat, fällt es ihm deutlich leichter, Verantwortung wirklich zu übergeben.
Fazit: Gute Nachfolge beginnt mit Klarheit über den eigenen Weg
Der Generationenwechsel gehört zu den sensibelsten Phasen in Familienunternehmen. Er gelingt dann am besten, wenn beide Seiten Klarheit über ihren eigenen Weg gewinnen. Die nächste Generation über ihre persönliche Zukunft. Der Senior über seinen nächsten Lebensabschnitt. Eine klare Vision kann dabei helfen, Orientierung zu schaffen – für Familie, Unternehmen und die Menschen, die Verantwortung tragen.
Tiefer einsteigen
Wenn Sie in Ihrem Familienunternehmen vor einem Generationswechsel stehen und Klarheit über Ihre persönliche oder gemeinsame Zukunft gewinnen möchten, begleite ich Sie gerne.
Mehr zur Family Business Vision Journey
Erstes Gespräch vereinbaren
Michael Obert arbeitet als Executive Coach und Trusted Advisor seit vielen Jahren mit CEOs, Unternehmern und Führungskräften an der Entwicklung ihrer persönlichen Vision.