Michael Obert hat mehr als zwanzig Jahre als Journalist und Buchautor aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet. Seine Reportagen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sein Regie-Debüt, der Kino-Dokumentarfilm „Song from the Forest“, schaffte es 2016 in die Vorauswahl für die Oscars. Heute arbeitet er als Senior Executive Coach und Trusted Advisor für CEOs, Unternehmer und Führungsteams und begleitet Menschen in verantwortungsvollen Rollen dabei, an wichtigen Weggabelungen eine klare Vision zu entwickeln – im Unternehmen und im Privatleben.
Interview: Daniela Grittner
Herr Obert, laut dem Marktforschungsinstitut Gallup sind drei von vier Arbeitnehmer in Deutschland – darunter viele Führungskräfte – frustriert im Job. Macht Ihre Arbeit Sie glücklich?
Sehr. Ich habe den schönsten Beruf der Welt.
Auch am Montagmorgen?
Ja. Vielleicht sollten wir zwischen Beruf und Job unterscheiden. Ein Job ist etwas, wovon Sie leben. Ein Beruf ist etwas, wofür Sie leben – etwas, das Ihnen Freude bereitet und Sie erfüllt. Als Coach habe ich mich bewusst für einen Beruf entschieden.
Der Weg zur persönlichen Vision
War das schon immer so? Oder hatten Sie auch frustrierte Phasen, in denen Sie nur noch Dienst nach Vorschrift gemacht oder innerlich gekündigt hatten?
Als Arbeiterkind bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es bei der Berufswahl – zumindest gefühlt – vor allem um Sicherheit ging. Deshalb habe ich zunächst BWL studiert, „etwas Vernünftiges“. Mitte der Neunzigerjahre war ich dann ein erfolgreicher Jungmanager in Paris. Tolles Gehalt, teure Anzüge – von außen betrachtet sah mein Leben wunderbar aus. Doch innerlich fühlte ich mich leer. Meine Arbeit hatte nichts mit mir zu tun. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn man morgens aufwacht und das Gefühl hat, dass das eigene Leben an einem vorbeizieht.
Zwei Jahre Südamerika – und eine klare Vision
Wie ging es damals in Paris weiter?
Irgendwann konnte ich dieses Gefühl nicht mehr ignorieren. Ich kündigte und reiste mit dem Rucksack nach Südamerika, um herauszufinden, wer ich war und was ich vom Leben wollte. Diese Reise dauerte zwei Jahre. Ich lebte bei indigenen Völkern in Mexiko, den Anden und im Amazonas, lernte fremde Sprachen – und entdeckte meine Faszination für Menschen und ihre Lebensentwürfe. In dieser Zeit entwickelte sich meine persönliche Vision.
Welche ist das?
Mein Leben als Forschungsreise – mit dem Fokus Mensch.
Am Ende möchte ich auf ein spannendes und selbstbestimmtes Leben zurückblicken und darauf, dass ich Menschen inspiriert und Dinge in Bewegung gebracht habe. Das mag pathetisch klingen, aber ich möchte die Welt einfach ein Stück besser machen.
Vom Auslandsjournalismus in Kriegsgebieten zum Executive Coaching
Nach Ihrer Rückkehr haben Sie Ihren Kindheitstraum verwirklicht.
Ich wurde Auslandsjournalist. Mehr als zwei Jahrzehnte lang habe ich aus vergessenen Paradiesen, aber auch aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet. Meine Vision hat mir die Klarheit und Kraft gegeben, aus diesen Regionen zu berichten – und sie begleitet mich bis heute. Heute arbeite ich als Executive Coach und begleite vor allem CEOs, Unternehmer und Führungspersönlichkeiten in entscheidenden Phasen ihres Lebens und ihrer Karriere.
Wenn ein „running system“ zur Komfortzone wird
„Never change a running system“ dürfte also nicht zu Ihren Ratschlägen gehören.
Ich zitiere gerne sinngemäß den japanischen Dichter Basho: Wenn du auf dem Gipfel eines Berges ankommst, geh einfach weiter. Viele meiner Klienten haben ein System aufgebaut, das lange gut funktioniert hat. Sie sind erfolgreich, tragen große Verantwortung und haben viel erreicht. Doch irgendwann merken sie: Es fehlt etwas.
Die Herausforderung.
Die Intensität.
Der Sinn.
Dann entsteht oft das Gefühl von Stillstand – obwohl äußerlich alles gut aussieht.
Was eine persönliche Vision wirklich ist
Für eine Vision gibt es viele Definitionen. Welche ist Ihre?
Eine Vision ist ein konkretes und attraktives Bild eines Zustands, den wir im Leben erreichen wollen. Nah genug, dass wir seine Realisierbarkeit sehen können. Fern genug, um Begeisterung für eine neue Wirklichkeit zu wecken. Eine solide entwickelte Vision hilft uns, Ziele zu setzen und Entscheidungen zu treffen – im Unternehmen und im Privatleben.
Warum eine Vision Klarheit und Orientierung gibt
Eine Vision ist wie ein Leuchtturm. Auch bei schwierigen Bedingungen sorgt sie dafür, dass wir innerlich klar bleiben und uns nicht verirren.
Genau. Als ich damals noch als Journalist einmal Nelson Mandela fragte, was ihm unter dem Apartheid-Regime die Kraft gegeben habe, 27 Jahre im Gefängnis durchzuhalten, lächelte er und sagte: „Die Gewissheit, dass Schwarze und Weiße in Südafrika eines Tages nebeneinander im Bus sitzen dürfen.“ Eine Vision setzt enorme Kräfte frei.
Vision kann auch ganz alltäglich sein
Natürlich ist nicht jeder Mensch ein Mandela.
In Berlin-Kreuzberg fiel mir einmal ein Straßenreiniger auf. Seine Kollegen arbeiteten missmutig, er hingegen sang fröhlich, während er Plastikbecher und Zigarettenstummel aufsammelte. Als ich ihn nach seiner Arbeit fragte, sagte er: „Ich sorge dafür, dass sich Menschen in den Straßen von Berlin wohlfühlen.“ Auch das ist eine Vision.
Wie Menschen ihre persönliche Vision entdecken
Und wie finden wir unsere Vision?
Nach mehr als 10.000 Stunden Coaching bin ich überzeugt: Jeder Mensch hat schon eine persönliche Vision. Nur wissen das die wenigsten oder können sie in Worte fassen. Ein guter Weg, eine Vision zu entdecken, führt über die Begeisterung eines Menschen: Wofür brennen Sie wirklich? Bei welcher Tätigkeit vergessen Sie die Zeit? Wofür brauchen Sie keine äußere Motivation? Dort beginnt meist die Spur zur eigenen Vision.
Wie ein Coaching zur Entwicklung einer Vision abläuft
Wie läuft ein Visionscoaching bei Ihnen ab?
Meine Klientinnen und Klienten kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Berlin oder nach Mallorca, wo ich meine zweite Base habe – oft im Rahmen einer intensiven Personal Vision Journey.
Je nach Situation arbeiten wir über mehrere Monate intensiv zusammen oder konzentriert an wenigen Tagen. Führungskräfte begleite ich darüber hinaus häufig längerfristig in meiner CEO Vision Journey.
Ein Familienunternehmer aus Süddeutschland kam einmal zu mir und sagte, er sei „eigentlich ganz glücklich“. Er war Anfang fünfzig und sein Maschinenbau-Unternehmen sehr erfolgreich. Doch seine Augen wirkten müde. Im Coaching entwickelte er schließlich seine Vision: ein Leben im Süden, am Meer, mit einem kleinen Weingut in Italien. Als er davon sprach, veränderte sich seine gesamte Ausstrahlung. Auf einmal war Energie da.
Warum Sinn in der Arbeit so wichtig ist
Viele Menschen wirken heute erschöpft oder orientierungslos.
Das liegt unter anderem daran, dass Arbeit ohne Sinn krank macht – egal ob Lagerarbeiter, Teamleiter oder Vorstand. Studien zeigen: Wer seine Arbeit als sinnlos empfindet, hat häufiger gesundheitliche Probleme und weniger Energie. Menschen hingegen, die ihrer Vision und damit ihrem inneren Warum folgen, schöpfen Kraft und Motivation von innen.
Warum Vision für Führungskräfte so wichtig ist
Gerade Unternehmer und Top-Führungskräfte kommen häufig mit persönlichen Themen ins Coaching – ebenso wie Familienunternehmer, die in der Nachfolge oder in wichtigen strategischen Fragen Orientierung suchen
(siehe auch Family Business Vision). Sie spüren, dass sie ihre Aufgaben im Unternehmen nur dann wirklich gut wahrnehmen können, wenn sie auch in ihrem eigenen Leben Klarheit haben. Wenn diese Klarheit fehlt, wird Führung schnell zum Rollenspiel. Authentische Führung entsteht aus Überzeugung, Begeisterung und dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.
Warum Coaching heute boomt
Ist Coaching eine Art Mode unserer Zeit?
Unsere Welt verändert sich rasant. Neue Technologien, globale Krisen und zunehmende Komplexität machen Entscheidungen schwieriger. Viele Menschen spüren, dass ihre innere Orientierung mit den äußeren Veränderungen kaum Schritt hält. Coaching kann helfen, diese Lücke zu schließen.
Was gutes Coaching von Esoterik unterscheidet
Der Coaching-Boom ist dennoch mit Vorsicht zu genießen.
Wenn Sie an Esoterik-Gurus, Speaker mit Popstar-Allüren oder Webseiten mit Sonnenuntergängen und Pusteblumen denken – damit hat professionelles Coaching nichts zu tun. Gerade in einer komplexen Welt brauchen wir gut ausgebildete, lebens- und welterfahrene Coaches, die Menschen helfen, Klarheit zu gewinnen und ihre Möglichkeiten zu entfalten.
Was wurde aus dem Unternehmer mit dem Weingut?
Er macht inzwischen wunderbaren Wein in der Toskana. Und sein Unternehmen läuft besser denn je. Als wir uns kürzlich wieder trafen, sagte er zu mir: „Ich fühle mich wieder lebendig. Mein Wein macht Menschen glücklich – und plötzlich ergibt alles wieder Sinn.“
Tiefer einsteigen
Wenn Sie an einem Punkt stehen, an dem Sie sich neu orientieren oder Ihre persönliche Vision schärfen möchten, begleite ich Sie gerne dabei.
Mehr zur Personal Vision Journey
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Michael Obert arbeitet als Executive Coach und Trusted Advisor seit vielen Jahren mit CEOs, Unternehmern und Führungskräften an der Entwicklung ihrer persönlichen Vision.